Die Torhüterin der LC Brühl-Handballerinnen ist im Playoff-Final gegen GC Amicitia eine entscheidende Leistungsträgerin
Bericht: Fritz Bischoff
Bild: Balthasar Dörig
Zum vierten Mal in Folge haben sich die Handballerinnen des LC Brühl für den Playoff-Final qualifiziert und zum vierten Mal in Folge wollen sich die St.Gallerinnen die Goldmedaillen umhängen lassen. Es wäre für den Rekordmeister der 35.Titelgewinn. Wie schon vor zwei Jahren ist der Playoff-Finalgegner GC Amicitia Zürich. Vor dem ersten Spiel der Best-of-5-Serie vom Samstag um 18.00 Uhr in der Zürcher Saalsporthalle sind es nicht nur taktische Komponenten, die die Vorbereitungen prägen, sondern auch personelle. Der Zürcher Finalrunden- und Cupsieger schlägt sich schon die ganze Saison mit einem schmalen Kader durch. Der LC Brühl war und ist immer wieder mit Verletzungsproblemen konfrontiert. Insbesondere die Position der Torhüterin stellte an die Verantwortlichen oft neue Herausforderungen. Deshalb wurde jüngst die vor einem Jahr zurückgetretene Sladana Dokovic reaktiviert. Sie soll im Bedarfsfall nicht nur der Torhüterin Nummer 1 – Norah Kothen – ersetzen, sondern ganz einfach auch Belastung von ihr nehmen.
Liebe zum Studium und zum Handball
Die 21jährige Deutsche bezeichnet sich selbst als recht unkonventionell und als einen Nerd, also jemanden, der für ein Thema «brennt» und dafür viel Zeit investiert, um diese zu verstehen und zu vertiefen. Sie bewältigt ein Studium im politik-soziologischen Bereich und eines im mathematischen mit angewandter künstlicher Intelligenz. Dazu widmet sie sich intensiv dem Handball. «Ich liebe beides – meine Studiengänge und den Handballsport. Das alles ist zwar eine unübliche Kombination, dennoch gibt es mir unfassbar viel Energie, mich mit Freunden über gemeinsame Interessen aus diesen Bereichen, die in meinen Studienrichtungen vorkommen, zu unterhalten. Als Kind hatte ich bereits für ein Mädchen unübliche Verhaltensweisen und Interessen wie Technik, Lego und Schach. Lange Zeit dachte ich, mich an konventionelle Hobbies anpassen zu müssen. Mittlerweile stehe ich dazu und beschäftige mich neben dem Sport gerne und sehr viel mit Informatik und Philosophie.»
Nicht viel zwischen den Ohren
Wenn man der 171,5 cm grossen und 72 kg schweren Handballerin zuhört und ihren Gedanken zu folgen versucht, kommt bald einmal die Frage der Intelligenz und ihres Intelligenzquotienten auf. Ihre Antwort verbindet sie mit einem Lachen. «Meinen IQ habe ich noch nie bestimmt. Ich denke, dass er unter primitiv einzuordnen ist, denn sonst würde ich nicht im Handballtor stehen, mich von klebrigen Bällen abwerfen lassen und daran auch noch Freude haben. Da kann nicht so viel Intelligenz zwischen meinen Ohren sein.» Begonnen hat ihre Handballkarriere an ihrem Geburtsort Grefrath nicht als Torfrau, sondern als Feldspielerin im mittleren Rückraum. Es kam im Nachwuchsbereich dann eine Zeit, in der sie eine Halbzeit auf dem Feld und die andere im Tor spielte. Nach einer Fussverletzung wurde sie dann endgültig zur Torhüterin. Ihrem Talent geschuldet führte sie ihr Weg bis in die Bundesliga zu Dortmund. Von dort wechselte sie – auch mit der Erfahrung aus den Nachwuchsnationalteams und europäischen Vereinseinsätzen ausgestattet – vor einem Jahr zum LC Brühl. «Ich wollte meine Komfortzone verlassen und ins Ausland wechseln. Ich wollte mich menschlich weiterentwickeln. Trotz ab und zu Heimweh, habe ich den Schritt nicht bereut.»
Im Tor extrovertierter als privat
Obwohl St.Gallen im Vergleich zu Dortmund ein eigentliches Dorf sei, hat sich Norah Kothen in der Schweiz mittlerweile bestens eingelebt. In ihrem Team ist sie zu einer wichtigen Führungsspielerin, die viel Verantwortung übernimmt, geworden. «Ich will dem Spiel meinen Stempel aufdrücken und auch meine Freiheiten ausleben. Im Tor bin ich allerdings deutlich extrovertierter als privat. Da bin ich ruhiger, zurückhaltender und beobachtender. Viel Zeit verbringe ich mit meinen Studien, meinen spezifischen Interessen, mit dem Sport und am Telefon mit meinen besten Freunden.» Die Saison will sie mit dem Meistertitel abschliessen. Dies, obwohl dem Team die Alterserfahrung fehle. «Wir blicken auf durchwachsene Monate zurück. Es ist, wie wenn ein Tornado durch das Meer gefegt wäre. Einmal waren wir auf den Wellen ganz oben und dann wieder unten. Das ist schon krass. Aber egal, wie ambivalent unsere Leistungen während der Saison waren, in der entscheidenden Phase sind wir jetzt bereit.» So freut sich die Brühler Torfrau jetzt auf das Meisterschaftsfinale, aber auch schon ein Wenig auf die kommende Saison. Dank dem Zuzug von Claire Hartz und der Genesung von Denise Kaufmann sollte auf ihr nicht mehr die alleinige Last zwischen den Torpfosten liegen. «Dann kann ich wirklich Vollgas geben und muss nicht immer eine gewisse Angst in mir haben, dass wir bei einer Verletzung meinerseits in eine schlimme Situation gelangen würden.»
