Der spanische Meister als Gradmesser für den LC Brühl Handball

Die St.Galler Handballerinnen treten in der zweiten Runde der European League zweimal auswärts gegen Rocasa Gran Canaria an.

Es ist immer wieder die gleiche Ausgangslage. Im Handball der Frauen freuen sich die Spielerinnen und der gesamte Verein zum Abschluss einer Meisterschaft darüber, dass sie sich für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert haben. Dann folgt im Sommer am Sitz der Europäischen Handball Federation in Wien die Auslosung der Spielpaarungen. Der Gegner wird bekannt. Es beginnt die finanzielle Kalkulation. In der Mehrheit der Fälle ergibt diese in der Schweiz, dass das Ganze ein (zu grosses) Verlustgeschäft werden könnte. Es wird der Kontakt mit dem gegnerischen Team gesucht. Dann erfolgt die Einigung, dass beide Partien im Ausland beim Gegner ausgetragen werden. Genau nach diesem Muster war der Ablauf beim LK Zug, bei Yellow Winterthur und auch beim LC Brühl. Die Auslosung in der zweiten Runde der European League ergab für die St.Gallerinnen als Gegnerinnen Rocasa Gran Canaria. So finden jetzt die beiden Spiele am Samstag- und Sonntagabend jeweils mit Spielbeginn um 19.00 Uhr auf der nach Teneriffa zweitgrössten Kanareninsel, im Atlantischen Ozean, rund 200 km westlich von Marokko, statt. «Da die Reise nach Gran Canaria in die Herbstferien fällt, ist das Ganze ein grosser «Hosenlupf» für uns», sagt der LCB-Geschäftsführer Joël Wachter. Seine Reiseplanung sieht vor, dass das Team am Freitag mit einer Zwischenlandung in Madrid nach Gran Canaria fliegt. Gesamthaft rechnet er mit einer rund zehnstündigen Reise. Die Rückreise ist aufgrund günstiger Flugtickets erst am Dienstag. «Ich hoffe, dass unsere Spielerinnen am Montag einen verdienten Ferientag geniessen können», blickt Trainer Raphael Kramer voraus.

Aktueller spanischer Meister

Er betrachtet die Spanierinnen unter ihrem Trainer Dejan Ojeda als einen nicht übermächtigen Gegner – ein Weiterkommen nicht als unrealistisch. «Wir müssen unseren Tempohandball spielen und dürfen nicht in einen Fehlermodus verfallen. Es bedarf unsererseits einer guten Leistung, dann ist ein Erfolg durchaus möglich.» Rocasa Gran Canaria ist der spanische Meister und Supercup-Sieger der Saison 2025/2026. Der Start in die aktuelle Saison ist im Gegensatz zum verlustpunktfreien LC Brühl nicht geglückt. Nach vier Spieltagen belegt das Team mit drei Niederlagen und nur einem Sieg den zehnten Platz. Dies, obwohl das Kader auf diese Saison mit sieben neuen Spielerinnen verstärkt wurde. Eine achte kam kurzfristig noch dazu. Weil sich die Stammtorhüterin Lulu Guerra einen Kreuzbandriss zuzog, wurde als Ersatz umgehend die 182 cm grosse und 110 kg schwere argentinische Nationaltorhüterin Candelaria Cuadrado verpflichtet. Wirtschaftlich hat die Equipe von Rocasa Gran Canaria keine Sorgen zu wälzen. Der Verein, der offiziell «Club Balonmano Remudas Isla de Gran Canaria» heisst, gilt in der höchsten spanischen Frauenliga – der «Liga Guerreras Iberdrola» – als der Club, mit dem höchsten Budget für sein Team. 1,1 bis 1,3 Millionen Euro soll zur Verfügung stehen, was deutlich mehr das Doppelte dessen ist, was beim LC Brühl investiert werden kann.

Finanzierung über öffentliche Fördergelder

Als Besonderheit wird der grosse Teil der finanziellen Mittel für das Kanarenteam nicht über Sponsoren generiert, sondern über öffentliche Fördergelder. So erhielt der Club im Jahr 2022 beispielsweise 733’000 Euro an öffentlichen Zuschüssen – 480’000 Euro von der Stadt und 253’136 Euro von der Regierung der Kanaren. Private Sponsoren mussten lediglich noch für 127’000 Euro aufkommen. 82’000 Euro entfielen dabei auf das Haushalt-Handelsunternehmen «Rocasa», das seit 40 Jahren in einer Partnerschaft mit dem Verein steht. Der europäische Gegner des LC Brühl wird damit zum grossen Teil von der öffentlichen Hand getragen. Dies erklärt auch, dass er trotz eines kleinen kommerziellen Marktes auf Gran Canaria international konkurrenzfähig ist. Mit ein Grund für die öffentliche Unterstützung ist, dass das Team zu seinen Auswärtsspielen immer auf die iberische Halbinsel oder andere Inseln fliegen muss. Beheimatet ist Rocasa nicht im Hauptort Las Palmas, sondern in Telde, der zweitgrössten Stadt der Insel und ehemaligen Hauptstadt, wo sich auch der Flughafen befindet.

2019 siegte der LC Brühl gegen Rocasa

Die Spanierinnen verfügen im EHF European Cup, den sie 2016, 2019 und 2022 gewonnen haben, über reichliche internationale Erfahrung. Ganz unbekannt sind sie für den LC Brühl nicht. 2019 gastierten sie am Stadtwerkcup in St.Gallen. Das Turnier damals gewann unter Trainer Rolf Erdin erstmals das Heimteam dank einem eindrücklichen 34:20-Erfolg gegen die Spanierinnen. Dies kann für den Rekordmeister Hoffnung vermitteln, wenngleich er sich aktuell wieder mit verletzungsbedingten Kaderproblemen konfrontiert sieht. Die Bänderverletzung von Malin Altherr ist noch nicht ausgeheilt. Katarina Simova ist trotz fortgeschrittenem Heilungsprozess noch nicht einsatzfähig. Immerhin haben sich die schlimmsten Befürchtungen bei Jelena Knezevic bezüglich ihrer Verletzung aus dem letzten Meisterschaftsspiel gegen die Spono Eagles nicht bestätigt. Ihre Kreuzbänder im linken Knie sind heil geblieben. Eine Zerrung des Innenbandes hat sich die Serbin jedoch zugezogen. Ihr Einsatz in der European League am Wochenende ist damit fraglich.

Bericht: Fritz Bischoff, St.Galler Tagblatt
Bild: Beatrice Hänsler

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